Blog Was ist Tarot? Bedeutung der Karten Tarot Kunst Über die Autorin
Eine Tarot-Geschichte18.08.2015

Januar 1441. Bianca Maria, Tochter des Herzogs Filippo Maria Visconti von Mailand ist zu Besuch am Hof des Herzogs von Ferrara – eine der reichen Städte Norditaliens, die sich im frühen 15. Jahrhundert zu blühenden Handels- und Kulturzentren entwickelt haben. Am Hof drängen sich neben Adeligen und Rittern auch Künstler, Intellektuelle, Philosophen und Wissenschaftler um die Kaminfeuer. Ein beliebter Zeitvertreib am Hof sind Kartenspiele, die Händler irgendwann mit duftenden Gewürzen und leuchtender Seide aus dem Orient mitgebracht haben. Von Wahrsagen oder Orakeln ist hier noch lange nicht die Rede. Im 15. Jahrhundert wird mit Karten gespielt.

Die 15-jährige Adelige sitzt also sehr wahrscheinlich mit ein paar gleichaltrigen Damen in einem eleganten, mit farbigen Wandteppichen und edlen Leuchtern ausgestatteten Salon am Kaminfeuer und spielt Karten. Sie wird noch im selben Jahr den rund 30 Jahre älteren Heerführer und Kriegsmeister Francesco Sforza heiraten, und braucht vermutlich etwas Ablenkung. Um das Spiel etwas unterhaltsamer zu gestalten hat sie eigens von einem angesehenen Künstler der Stadt 14 zusätzliche, figürliche Spielkarten anfertigen lassen, die sich vom Rest des Spiels deutlich abheben. Der Beleg mit der entspechenden Bestellung und Lieferanweisung gezeichnet vom Hofmarschall von Ferrara exisitert noch heute [1]. Er gilt als einer der ältesten Hinweise auf ein Kartendeck mit 5x14 Karten und damit der Beginn einer Erfolgsgeschichte. Vier der fünf Sätze aus dem sogenannten 5x14-Deck tragen Farben, der fünfte Satz stellt Figuren dar: das entspricht im Wesentlichen dem Aufbau eines Tarotdecks. Obendrein werden die figürlichen Karten "Trionfi", also Trümpfe genannt. Forscher glauben das sei der ursprüngliche Namensgeber des Tarocchi, später Tarock genannten Kartenspiels, aus dem sich das Tarot entwickeln sollte. Doch bleiben wir noch ein bisschen in der Renaissance.

Biancas Spielkarten wurden wie damals üblich aufwändig von Hand gemalt, und mit Blattgold und kostbaren Farben verziert. Ein teures Vergnügen, aber das gönnt sich Bianca auch im späteren Leben immer wieder gerne. Zu verschiedenen Anlässen lässt sie sogar Mitglieder ihres eigenen Hauses auf den Spielkarten verewigen. Ich stelle mir vor wie die junge Dame besonders gerne mit den damaligen Vorstellungen von Moral und Tugend, Sünde und Laster gespielt hat. Kleine Bildchen mit symbolischen Darstellungen zu Glaube und Sittlichkeit sind ihr wohlvertraut. Zu dieser Zeit rennen Wanderprediger kreuz und quer durch Europa und verkünden den Weltuntergang nebst Fegerfeuer für alle, die sich deren strengen moralischen Vorstellungen entziehen. Weil damals praktisch niemand lesen kann, bestehen die Vorgänger der Wachturm-Magazine praktisch ausschließlich aus Bildern, die schlicht auf Holz- oder Papptäfelchen gedruckt sind. Sie zeigen alle Arten von Darstellungen aus der Bibel und anderen Geschichten rum um die römisch-katholische Doktrin. Bianca dürfte eine Menge davon gesehen haben.

Gleichzeitig befinden wir uns mitten in einer Zeitenwende, die Renaissance bereitet den Aufbruch in die Moderne. Alte Glaubensvorstellungen und Werte werden mehr und mehr in Frage gestellt. Machtstrukturen beginnen zu bröckeln, Europa wird von fürchterlichen Katastrophen, Seuchen, Kriege, Hungersnöte heimgesucht. Die apokalyptischen Reiter sind längst da, doch wo bleibt die versprochene Apokalypse nebst Erlösung? Die katholische Kirche schlittert in eine ihrer grössten Krisen. Wenn selbst der Papst sich unmoralisch und unchristlich verhält, wenn Ketzer und Wissenschaftler die Welt nachvollziehbar erklären können, grosse Erfolge in Mechanik, Astronomie und Medizin verzeichen, die Anwendung der kirchlichen Doktin aber kläglich versagt, wem sollte man dann noch glauben?

Einmal jährlich erlebt Bianca zum Ende der Fastenzeit ein fulminantes Fest der völligen Verrücktheit. Ein paar Tage lang steht die Welt auf dem Kopf. Ein Narrenkönig übernimmt das Regiment, und alle toben ihre Wut und Unsicherheit über die Ungerechtigkeit und Ungereimtheiten ihrer Zeit mit weinseeligem Zynismus und ekstatischer Feierlaune aus. Da werden Wägen in einer Prozession durch die Stadt gefahren, sogenannte Trionfi, auf denen traditionelle Figuren und Symbole verballhornt werden. Themen wie Liebe, Keuschheit, Ruhm und Ewigkeit werden parodiert. Wenn der Tod zur Posse wird, verliert er seinen Schrecken, wenigstens für ein paar Tage. Die Karnevalsumzüge in Norditalien zeugen noch heute mit ihrem ganz eigenen Charm von dieser langen Tradition. Vermutlich hat auch Bianca zu diesen Anlässen ein Kostüm mit Maske getragen. Ich frage mich als was sie gegangen ist, vielleicht als Sonne, oder als Mond? Es ist sicher kein Zufall, dass so viele Bilder und Symbole aus dem norditalienischen Karneval den Weg ins Tarot gefunden haben. Ich gehe davon aus, dass die Spielkarten nach den Karnevals-Trionfi, den Triumpfzügen benannt wurden, und nicht umgekehrt.

Die junge, gebildete Bianca wird ihren Spaß gehabt haben im Spiel mit den gängigen, einengenden und vielleicht aus ihrer Sicht auch überholten Wertvorstellungen und Tugenden ihrer Zeit. Ich stelle mir vor, wie sich im Kartenspiel alberne Gespräche über brandaktuelle, rebellische und vielleicht sogar gefährlich revolutionäre Themen entwickelt haben. Vielleicht waren diese Spiele die einzigen Augenblicke, in denen sie gewagt hat über ihren Vater, den Herzog zu lachen. In der naiven Absurdität eines Spiels könnte sie einen Ausweg aus der engen, aristokratischen Welt gefunden haben, in die sie geboren wurde. Ein kleines Karneval im Alltag, ein relativ gefahrloser Weg sich über Zwänge und Moralvorstellungen lustig zu machen, sie durcheinander zu wirbeln, gegeneinander antreten zu lassen und aus der allgegenwärtigen Ernsthaftigkeit der Sittenwächter und Moralprediger ein wenig auszubrechen. Es ist schliesslich nur ein Spiel.

Übrigens werden Bianca und Francesco trotz des hohen Altersunterschieds sehr glücklich miteinander. Sie leben eine der ganz grossen Liebesgeschichten ihrer Zeit, so berichten es jedenfalls die Quellen. Ich wünschte sie hätten uns die Spielregeln ihres Kartenspiels überliefert, das beide bis an ihr Lebensende so überaus gerne gespielt haben. Vielleicht könnten wir dann heute mit unseren Tarotkarten genauso humorvoll und spielerisch umgehen. Es gibt keine halben Orakel, also vielleicht würde auch uns ein klein wenig närrische Unsitte und Albernheit als Gegenpol zur Ernsthaftigkeit in der Tarotwelt ganz neue Wege eröffnen. 67 Karten eines Decks von 1441 sind bis heute erhalten, sie befinden sich im Cary-Yale-Museum (unter der Bezeichnung Visconti di Modrone oder Cary-Yale-Tarocchi).


[1]  http://trionfi.com/0/f/03/

Die Vier Schwerter01.05.2015

Ich habe mir eine lange Pause von meinem Blog gegönnt, und komme zurück mit einigen Erfahrungen vom Rückzug – dem Thema der 4 Schwerter. Die Karte gehört mit ihren Schwertern zur Welt des Intellekts und Verstands. Für mich als Kopfmensch ist es manchmal schwer zu verstehen, dass ich nicht alles mit Denken lösen kann. Manchmal braucht es den Rückzug der Gedanken, das Loslassen der Erwartung ich könnte alles durchdenken, und das Vertrauen dass, was immer da vor sich geht, einfach nur Zeit braucht. Zum Keimen, zum Verdauen, zum Auflösen. Irgendwann komme ich zurück und stelle fest, etwas hat sich verändert, etwas ist gereift, geheilt, gewachsen.

Diese Situationen gibt es immer wieder im Leben, in der Tat glaube ich, es ist ein unbedingter Teil des Alltags, wie Schlafen und Entspannen. Ich brauche die 4 Schwerter, und ich brauche sie regelmässig. Die notwendigen Zyklen im Alltag, wie Wach-sein und Schlafen, zeigen sich auch in grösseren Maßstäben, im Jahreslauf und sogar in den Abschnitten eines Lebens, aber auch im Verlauf einer Arbeit oder eines Projekts. Für mich ist beispielsweise der Winter schon traditionell eine Zeit zur Besinnung und Erholung. Ich bin ein Typ, der im Alleinsein regeneriert, andere erholen sich in geselligen Runden. Deswegen würde ich mit den 4 Schwertern im Legebild nicht unbedingt Einsamkeit und Meditation verordnen, sondern vielmehr ein Rückzug aus dem aktiven Grübeln (der 3 Schwerter) hin zu Entspannung und Sein-lassen, egal wie das für den Einzelnen konkret aussehen mag. Ein Rückzug aus Erwartungen und Vorstellungen kann auch bei einem guten Konzert, einem lockeren Gespräch unter Freunden (zu einem anderen Thema) oder beim Spaziergang auf einem wuseligen Wochenmarkt passieren.

Wichtig ist das Zurückkommen, grade bei alltäglichen Dingen die ins Stocken geraten sind. Wenn ich beispielsweise der Hausarbeit nicht mehr hinterher komme, wenn geliebte Tätigkeiten zu kurz kommen, wenn alles zu viel wird. Dann kann ich mir bewusst eine Pause erlauben, mich nicht in eine Resignation ergeben, sondern darauf vertrauen dass der richtige Moment zur Rückkehr kommen wird, und dass ich ihn spüre. So wie jetzt und hier in meinem Blog.

Das Verkehrszeichen Tarot04.11.2014

Verkehrszeichen Tarot

 

Licht und Schatten der 7er13.10.2014

Die dunkle Jahreszeit hat begonnen, Samhain steht vor der Tür – Zeit sich mit den dunklen Seiten des Tarot zu beschäftigen. Damit meine ich nicht besonders böse oder schlechte Karten – die gibt es für mich nicht. Vielmehr haben sie alle ihre Licht- und Schattenseiten, und selbst das ist eine subjektive, individuelle Betrachtung, je nachdem was ich als "Schatten" empfinde. Ich beginne meine Schattenreise mit den 7ern, weil ich mich grade danach fühle.

Wenn ich die Zahlenkarten als Etappen eines Prozesses in 10 Schritten verstehe, liegt die 7 schon recht weit am Ende, aber noch nicht ganz. Vielleicht ist es eben jene Stufe kurz vor dem Abschluss, auf der alles nochmal in Frage gestellt wird: war es richtig in diese Richtung zu gehen? Entspricht das Ergebnis, das sich bereits andeutet, den Erwartungen? Oder läuft das alles grade völlig falsch? In so einer Situation drücke ich mich gerne mal um eine gründliche Prüfung, und noch mehr um eine ehrliche Kurskorrektur. Lieber tue ich so als wäre alles in Ordnung, als seien einfach nur letzte Widerstände tapfer zu überwinden. Augen zu und durch. Hand aufs Herz, Vermeidungs- und Verdrängungstaktiken kennen wir doch alle, nicht wahr? Die 7ener sind gute Lehrmeister in solchen Situationen.

Das Stimmungsbild der 7er ist getrübt, gedankenverloren, zerstreut. Dabei ist es grade bei ihnen so wichtig, genau hinzusehen. Denn alle stellen wichtige Fragen:

  • Die 7 Stäbe fragen: was will ich? Wofür lohnt es sich zu kämpfen?
  • Die 7 Kelche fragen: woran glaube ich? Wofür lohnt es sich zu sterben (oder sagen wir, andere Möglichkeiten sterben zu lassen)?
  • Die 7 Schwerter fragen: was (an)erkenne ich? Wofür lohnt es sich die Hosen runter zu lassen und verwundbar zu sein?
  • Die 7 Scheiben fragen: wer bin ich? Wofür lohnt es sich zu leben?

Auf ihre Weise und in ihrer Welt, fordert jede der Siebener zu einem klaren Bekenntnis auf. Bin ich noch auf dem richtigen Weg? Will ich so weiter machen? Oder mache ich mir was vor? Die 7 Stäbe können auf ihrer Schattenseite zu Sturheit und Besessenheit werden, die 7 Kelche zu Wunschdenken und Selbstbetrug, die 7 Schwerter zu Vermeidung und Verleugnung und die 7 Scheiben zu Verzögerung und Unentschlossenheit. Das stiftet Verwirrung und Unsicherheit. Dabei ist gerade bei einer ehrlichen Selbstinventur ein klarer Fokus hilfreich, etwas das mich in meiner Mitte zusammenhält und Orientierung gibt, ohne mich einzuschränken und unflexibel zu machen. Etwas das wahrhaftig ist.

Die Schattenseiten der 7er erlauben mir diesem wahrhaftigen Kern näher zu kommen und dadurch die lichte Seite der 7er zu erleben. 7 Stäbe lehren den Willen mit widrigen Umständen flexibel umzugehen, ohne alles kontrollieren zu wollen, denn auch wenn ein Ergebnis anders ausfällt als erwartet, bleibe ich mir im Kern immer treu. 7 Kelche lehren die Fähigkeit das eigene Herz zu hören, egal wie laut alles andere drumherum schreit und mir Bestätigung zusichert. 7 Schwerter lehren die Gnade mich selbst und meine Umwelt so sehen zu können, wie sie sind, ohne zu verurteilen. Und 7 Scheiben lehren die Vollkommenheit des Seins in einem unvollkommenen (materiellen) Leben.

Im kabbalistischen Baum des Lebens werden die 7er der 7. Sephira Netzach zugeordnet. Die Pfade, die zu dieser Sephira führen, korrespondieren mit folgenden grossen Arkana: Der Mond, Der Stern, Der Turm, Der Tod, Das Rad. Alle diese Karten weisen einen Weg zum inneren Kern, zur inneren Wahrheit – durch Imagination, Inspiration, Erkenntnis, das Sterben alles Endlichen und den ewigen Wandel aller Dinge. Ich glaube, im Schatten der 7er können diese 5 Pfade helfen, die eigenen Verhaltensmuster zu durchschauen und die Schlüssel zum Tempel des eigenen Herzens zu finden. Diesen Tempel dann zu erforschen ist ein Lebenswerk.

Fragen an das Orakel17.09.2014

Eine der häufigsten Fragen an Orakel wie das Tarot ist die nach dem Seelenpartner. Oder dem tollen Job. Oder dem Kindersegen. Wann macht das Leben mich endlich glücklich? Wann bekomme ich die Dinge, nach denen ich mich so sehr sehne? Das Ding dabei ist, die Zukunft ist nicht in Stein gehauen. Sie ist wandelbar, immer in Bewegung, wie ein Fluss. Und wie ein Fluss wird sie durch die Umwelt und verschiedene Einflüsse in die eine oder andere Richtung geschoben, fliesst mal wild rauschend über felsigen Untergrund, mal sanft in breitem sandigem Bett.

Wann in meinem Leben was passiert oder auch nicht passiert, hängt vielfach von mir selbst ab, von meinen Entscheidungen und Taten. Mein Leben ist allerdings wie der Fluss eingebettet in eine Landschaft, verwoben mit den Entscheidungen und Taten vieler Lebewesen rund um mich herum. Letzendlich bin ich nur ein winziger Teil eines gewaltigen, lebendigen Netzwerks. Ich bin Mitschöpferin meiner Welt, verantwortlich für mein Leben, und gleichzeitig nicht allmächtig. Die ewige Predigt vom "alles tun können, wenn man nur genug will und nur hart genug dafür arbeitet", ist eben nur ein Teil der Wahrheit. Ich bin Mit-Schöpferin, das bedeutet ich gestalte meine Welt und mein Leben nicht alleine. Es gibt Ereignisse und Bedingungen, die jenseits meines Einflusses liegen, Dinge die einfach passieren. Dann geht es darum zu entscheiden, was ich mit den Gegebenheiten anfangen will, die die Landschaft bietet, durch die mein Lebensfluss fliesst.

Ich glaube, der Job eines guten Kartenlegers ist es, genau diese Gradwanderung zu gehen, zwischen Eigenmacht und Grenzen, Freiheit und Eingebundensein. Es nützt nichts, wenn ich mir eine ungesunde Allmacht vormache, aber ich will mich auch nicht hilflos sehen. Im Legebild einer Fragestellung schaue ich daher weniger nach Fakten und Antworten, sondern mehr nach Einflüssen, Umweltbedingungen und Handlungsspielräumen. Und da ich am einfachsten mich selbst beeinflussen und verändern kann, fange ich genau da an: was kann ich tun, um den tollen Job zu finden? Um meine Finanzen zu verbessern? Um mich wohler und glücklicher zu fühlen? Dann habe ich beides vor Augen, die Landschaft meines Lebens und meinen freien Willen.

 

Suche


→ suchen
 
RSS Feed